Achtundzwanzig Buchstaben
In jeder Szene klingen Wind, Lagerfeuer und Fluss anders, und die Musik folgt dem Lauf der Geschichte.
Sejong, der vierte König von Joseon, war der dritte Sohn König Taejongs (Großprinz Chungnyeong), doch weil er Bücher liebte und tief nachdachte, bestieg er 1418 mit zweiundzwanzig Jahren den Thron. Er versammelte junge Gelehrte in der Halle der Würdigen (Jiphyeonjeon), ließ Bücher herausgeben, fasste im Ackerbau-Handbuch Nongsa Jikseol die Anbaumethoden zusammen, die zum Boden Joseons passten, und baute mit Jang Yeong-sil, der als Sklave geboren war, den Regenmesser, die Sonnenuhr Angbu Ilgu, die die Zeit am Schatten der Sonne anzeigte, und die Wasseruhr Jagyeongnu, die von selbst ihre Glocke schlug. Doch als er die vierzig überschritten hatte, litt der König an einem Augenleiden und allerlei Krankheiten. Und eine Sache lag ihm schon lange auf dem Herzen.
Figuren
1443: 47 Jahre alt
Mutter von acht Söhnen und zwei Töchtern
Reichte eine Eingabe gegen die neuen Buchstaben ein
Schrieb das Nachwort zum Hunminjeongeum
Junge Frau, die ihren Mann verlor
April 1998, Andong in der Provinz Gyeongsang. An jenem Tag wurden alte Gräber verlegt, um Platz für eine neue Siedlung zu schaffen.
Als man den Deckel eines Sarges öffnete, lag auf der Brust des Bestatteten ein gefaltetes Blatt Papier.
Ein Brief, der über vierhundert Jahre im Dunkeln gelegen hatte. Geschrieben war er nicht in chinesischen Schriftzeichen.
Der Brief begann so — „An Wons Vater.“
Diese Buchstaben waren 143 Jahre zuvor in einer Winternacht geboren worden.
In einer Nacht, in der ein König im Lampenlicht
die Form seines eigenen Mundes betrachtete.
Winter 1443, Gyeongbokgung-Palast. Selbst tief in der Nacht, als alle schliefen, brannte im Gemach des Königs noch lange Licht.
verschließt die Kehle.
Der König betrachtete seinen Mund im Kupferspiegel und prüfte bei jedem Laut, wo Zunge und Lippen anstießen.
Was schreibt Ihr nur
Nacht für Nacht so eifrig?
Buchstaben, die sie aufschreiben,
so wie man sie hört.
Damals sprachen die Menschen in Joseon ihre eigene Sprache, schrieben aber mit chinesischen Schriftzeichen.
Um die chinesischen Schriftzeichen zu beherrschen, musste man jahrelang nichts als lernen. Für das Volk, das Felder bestellte und fischte, gehörte die Schrift einem fernen Land.
Wer die Schrift nicht kannte, konnte selbst erlittenes Unrecht
nicht aufschreiben und vorbringen.
1432 hatte der König einmal zu seinen Beamten gesagt:
erkennen, ob ein Vergehen schwer oder leicht ist,
und sich von selbst bessern?
Man konnte die Gesetze vor den Ämtern aushängen – doch nur wenige konnten sie lesen.
Der König erforschte, wie der Körper Laute bildet.
Die Anlaut-Buchstaben bildeten die Form von Mund und Zunge beim Sprechen nach.
ㄱ — die Zungenwurzel, die die Kehle verschließt
ㄴ — die Zungenspitze am oberen Zahndamm
ㅁ — die Form des Mundes
ㅅ — die Form eines Zahns
ㅇ — die Form der Kehle
Wurde ein Laut stärker, kam ein Strich hinzu.
Die Mittellaute: Himmel (·), Erde (ㅡ) und Mensch (ㅣ).
Aus ihrer Verbindung schuf er elf Buchstaben.
Zusammen achtundzwanzig Buchstaben.
Zwölfter Monat 1443. Die Wahrhaftigen Aufzeichnungen über König Sejong vermerkten:
In diesem Monat schuf der König eigenhändig die achtundzwanzig Buchstaben des Eonmun, der Volksschrift.
Die Buchstaben sind einfach, doch ihre Abwandlungen sind ohne Ende.
Man nannte sie „Hunminjeongeum“.
Die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes – Hunminjeongeum.
Am 20. Tag des zweiten Monats 1444 reichten sieben Gelehrte unter Führung von Choe Man-ri, dem Vizedirektor der Halle der Würdigen, eine Eingabe gegen die neuen Buchstaben ein.
Eine eigene Schrift zu schaffen, ist Sache von Barbaren
wie Mongolen, Jurchen und Japanern!
Sie hindert die Gelehrsamkeit
und nützt der Regierung nicht.
selbst auf der Reise zur Kur nach Chosu-ri –
ich fürchte um Eure Gesundheit, Majestät.
dem Volk das Leben leichter machen?!
Wie viele Anlaute gibt es
in den vier Tönen und sieben Lautklassen?
wer soll es dann tun?!
Der König ließ Choe Man-ri und die anderen im Uigeumbu, dem königlichen Gerichtshof, festsetzen und am nächsten Tag alle wieder frei.
An jenem Tag sagte der König auch:
Ich bin alt, die Tage fallen mir schwer;
ich nehme mir nur Bücher zu Gefährten.
Es war nicht die Lust am Neuen. Der König war schon lange krank und wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.
Am 28. Tag des zweiten Monats 1444 brachen der König und die Königin gemeinsam nach Chosu-ri bei Cheongju auf, um das Augenleiden des Königs zu behandeln.
Weil die Ernte schlecht ausgefallen war, ließ der König seinen Zug so klein wie möglich halten.
Am nächsten Tag warf sich ein alter Mann vor dem Wagen des Königs nieder.
Ich kann nicht schreiben,
nicht einmal ein Blatt
für meine Klage…
Hört an, was er zu sagen hat.
Die Wahrhaftigen Aufzeichnungen über König Sejong berichten, der König habe die Sache des alten Mannes prüfen lassen und ihm einen Ballen Baumwollstoff geschenkt.
Weil das Quellwasser von Chosu-ri wie Pfeffer auf der Zunge prickelte, nannte man es „Chosu“ (椒水, „Pfefferwasser“).
In jenem Jahr hielt sich der König zweimal hier auf, im Frühling und im Herbst – insgesamt mehr als hundert Tage.
Sieht aus wie ein Kinderspiel.
selbst ein Langsamer
in zehn Tagen.
einmal versuchen, meine Königin?
Die Königin griff zum Pinsel. Nie zuvor hatte sie diese Buchstaben geschrieben.
„Nuneul atgisyosyeo.“
Königin Soheon– Schont Eure Augen.
Lange konnte der König das Blatt nicht aus der Hand legen.
In jenem Winter starb ihr fünfter Sohn, Großprinz Gwangpyeong, mit zwanzig Jahren. Im ersten Monat des folgenden Jahres folgte ihm ihr siebter Sohn, Großprinz Pyeongwon, mit neunzehn.
Nachdem sie kurz hintereinander zwei Söhne verloren hatte, kränkelte die Königin von da an und siechte dahin.
Am 24. Tag des dritten Monats 1446 starb die Königin im Haus ihres zweiten Sohnes, Großprinz Suyang. Sie war zweiundfünfzig.
Der König hatte den Menschen verloren, mit dem er achtunddreißig Jahre geteilt hatte.
Anfang des 9. Monats 1446.
Das Hunminjeongeum war vollendet.
Sejongs VorwortWeil die Sprache dieses Landes anders ist als die Chinas, passt sie nicht zu den chinesischen Schriftzeichen.
Sejongs VorwortDarum gibt es viele im einfachen Volk, die etwas sagen möchten und ihre Gedanken am Ende doch nicht ausdrücken können.
Sejongs VorwortAus Mitleid damit habe ich achtundzwanzig neue Buchstaben geschaffen.
Sejongs VorwortIch wünsche nur, dass jeder sie leicht erlernt und sie im täglichen Gebrauch bequem findet.
Hunminjeongeum — die richtigen Laute zur Unterweisung des Volkes
Jeong In-ji, Gelehrter der Halle der Würdigen, schrieb ans Ende des Buches:
und selbst der Törichte in zehn Tagen.
das Krähen des Hahns, das Bellen des Hundes –
all das kann man aufschreiben.
1447. Der König ließ seinen zweiten Sohn, Großprinz Suyang, in den neuen Buchstaben ein Buch verfassen, um für die Seelenruhe der Königin zu beten – das Seokbo sangjeol.
Und nachdem er das Buch gelesen hatte, dichtete der König selbst Lieder.
Ein Mond scheint in tausend Flüssen.
Die Lieder des Königs hießen Worin cheongang jigok – Lieder vom Mond, der in tausend Flüssen scheint.
Gemeint war, dass die Lehre des Buddha wie Mondlicht gleichmäßig auf die ganze Welt scheint.
Sie gehörten zu den frühesten Liedern in den neuen Buchstaben.
Der Teich im Palast, der Han-Fluss, der Bach vor einem namenlosen Dorf –
Auf alle fiel das Mondlicht gleich.
Drei Jahre später, im zweiten Monat 1450, starb der König. Er war vierundfünfzig.
Der König wurde an der Seite seiner Königin in einem gemeinsamen Grab beigesetzt.
136 Jahre später.
1586 starb Yi Eung-tae aus Andong mit einunddreißig Jahren. Zurück blieben sein kleiner Sohn Won und seine schwangere Frau.
Bevor sie ihren Mann begrub, schrieb sie ihm einen Brief – in den Buchstaben, die der König geschaffen hatte.
An Wons Vater.
Brief von Wons MutterDu hast immer zu mir gesagt: Lass uns zusammen leben, bis unser Haar weiß ist, und dann gemeinsam sterben.
Brief von Wons MutterWie kannst du mich nun zurücklassen und vor mir gehen?
Brief von Wons MutterAuf wen sollen der kleine Won und ich uns stützen, wie sollen wir leben, wenn du alles verlässt und gehst?
Brief von Wons MutterWenn das Kind in meinem Leib geboren wird – wen soll es Vater nennen?
Brief von Wons MutterLies diesen Brief, dann komm in meine Träume und erzähl mir alles genau. Ich möchte es so gern hören.
Brief von Wons MutterWas ich dir sagen möchte, nimmt kein Ende, doch das Papier reicht nicht mehr – darum höre ich hier auf.
Neben dem Brief lag ein Paar Mituri, Sandalen aus Hanf. Sie waren aus Hanfbast geflochten, vermischt mit dem Haar der Frau.
Sie hatte sie geflochten und dabei um seine Genesung gebetet – doch ihr Mann sollte sie nie tragen.
24. April 1998. Zum ersten Mal seit 412 Jahren fiel Licht in das Grab, und bis zu diesem Tag hatte der Brief auf der Brust ihres Mannes gelegen.
„Das einfache Volk kann, auch wenn es etwas sagen möchte, am Ende seine Gedanken nicht ausdrücken“ – mit diesen Worten schuf der König die achtundzwanzig Buchstaben.
Über vierhundert Jahre lang bewahrten diese Buchstaben,
was ein Mensch bis zuletzt hatte sagen wollen.
Auch die Buchstaben, in denen diese Geschichte ursprünglich geschrieben wurde, wurden in jener Winternacht geboren.

