Die Hüter des Feuers
In jeder Szene klingen Wind, Lagerfeuer und Fluss anders, und die Musik folgt dem Lauf der Geschichte.
Vor sehr, sehr langer Zeit lebten zum ersten Mal Menschen auf der Koreanischen Halbinsel. In jenen langen Zeitaltern ohne Schrift, ohne Reiche und ohne Ackerbau überlebten sie, indem sie Steine zu Werkzeugen schlugen und ihr Feuer hüteten. Diese Geschichte beginnt mit einem einzigen Stein, den sie zurückließen.
Figuren
Ein scharfäugiges Kind
Jäger
Hüterin des Feuers
1978 am Hantan
einen Faustkeil erkannte
1978, am Hantan-Fluss in Yeoncheon. Ein amerikanischer Soldat schlenderte an seinem freien Tag mit seiner Freundin am Ufer entlang.
schau dir den Stein an.
nur ein Stein?
absichtlich behauen.
Ein Stein, dem man eine Schneide gab, indem man abwechselnd von beiden Seiten Splitter abschlug. Es war ein Faustkeil, von Menschen vor Hunderttausenden von Jahren gefertigt.
Bis dahin waren Forscher in aller Welt überzeugt:
In Ostasien gibt es
keine Faustkeile.
In den 1940er-Jahren zog der amerikanische Archäologe Movius diese Linie auf der Landkarte. Die Menschen östlich davon, so meinte er, hätten nur grobe Hackgeräte benutzt.
Doch 1978 brachte ein einziger Stein vom Hantan-Fluss diese Überzeugung ins Wanken.
Wer mag diesen Stein als Letzter in der Hand gehalten haben?
Wie sah dieser Mensch aus, was aß er, wie verbrachte er seine Nächte?
Reisen wir zurück in der Zeit
und begegnen wir diesem Menschen.
Vor etwa 700.000 Jahren begannen Menschen, auf der Koreanischen Halbinsel zu leben.
Die Menschen, denen wir begegnen werden, lebten sehr viel später: eine kleine Gruppe, die an den Ufern des Hantan-Flusses umherzog.
FalkenaugeIch bin Falkenauge. In unserer Gruppe sieht keiner so scharf wie ich.
Wir bleiben nie an einem Ort. Wir ziehen dorthin, wohin die Hirschherden ziehen und wo die Früchte reifen.
Wir ließen uns auf einem Hügel am Fluss nieder. Die Erwachsenen flochten Äste zusammen und deckten sie mit Fellen, und schon bald stand eine Hütte.
Ich kümmere mich ums Feuer.
Hör genau, wo er brechen will.
Als Onkel Großhand mit einem Stein auf den anderen schlug, sprang ein Splitter ab, und eine scharfe Kante entstand.
Schon wieder kaputt.
zerbricht er. Noch mal!
Selbst gemacht!
was der Stein sagt.
Durch Schlagen und Absplittern geformte Steine: geschlagene Steinwerkzeuge. Die Menschen der Altsteinzeit hatten stets solche Steine zur Hand.
Die Jagd gelingt nicht immer. Öfter macht uns der Wald satt, den Großmutter so gut kennt.
den auch essen?
Je schöner die Farbe, desto vorsichtiger musst du sein.
Morgendämmerung. Im Nebel hebt ein Hirsch den Kopf.
ein Hirsch.
Gegen den Wind. Langsam.
Niemand jagt allein. Einer treibt das Wild, einer wartet, und alle werfen gemeinsam.
Da teilte sich das Schilf.
Damals lebten auf der Koreanischen Halbinsel Tiere, die es heute nicht mehr gibt.
Mit dem legst du dich nie an.
An jenem Abend lachte die ganze Gruppe.
Heute gibt’s Fleisch!
Vom Fleisch bekommt jeder gleich viel: wer am meisten erlegt hat, Großmutter, die nicht mit auf die Jagd konnte, und auch die kleinen Geschwister.
In unserer Gruppe gibt niemand Befehle. Wir hören auf die erfahrenen Älteren, und alle packen gemeinsam an – das ist alles.
Vom Hirsch wird nichts verschwendet. Das Fleisch wird getrocknet, das Mark ausgesaugt, und aus Geweih und Knochen werden Werkzeuge.
sonst verrottet das Fell.
Gut getrocknete Felle werden zu Kleidung, zu Schlaflagern und zu Dächern für unsere Hütten.
Wenn die Sonne untergeht, zeigt die Kälte ihre Zähne. Doch wir haben das Feuer.
Feuer ist unser Leben.
Mitten in der Nacht fegte ein Schneesturm bis in die Höhle hinein.
das Feuer geht aus!
schnell.
Da erschien am Höhleneingang ein riesiger Schatten.
Vor dem Feuerschein wich der Bär zurück. An jenem Tag begriff ich: Das Feuer schenkte uns mehr als nur Wärme.
Die Jahre vergingen.
Ich wuchs heran und jagte nun selbst, und Großmutter wurde sehr alt.
Eines Winters konnte Großmutter nicht mehr aufstehen.
hütest du das Feuer.
In jenem Winter trat Großmutter ihre lange Reise an. Nun hüte ich das Feuer.
Am Morgen unseres Aufbruchs in ein neues Land lege ich die in Moos gehüllte Glut in die Hände eines Kindes.
Feuer ist unser Leben.
Die Worte, die Großmutter einst zu mir sagte, gebe ich nun an das Kind weiter.
Wir machten uns wieder auf den Weg – dorthin, wohin die Hirschherden zogen und wo die Früchte reiften.
An der Feuerstelle blieb ein abgenutzter Faustkeil zurück.
So vergingen unzählige Generationen.
Kalte und warme Zeiten kamen und gingen immer wieder,
und die Steine der Menschen wurden immer kleiner und schärfer.
Eine Nacht in Suyanggae am Namhan-Fluss. Jemand ritzte Linien in einen Stein, eine nach der anderen.
Was er da zählte, werden wir vielleicht nie erfahren.
Vor etwa 20.000 Jahren, als die Eiszeit am kältesten war.
Der Meeresspiegel lag über 100 Meter tiefer als heute. Der Grund des heutigen Gelben Meeres war eine weite Ebene.
kommt man in ein großes Land.
Vor etwa 10.000 Jahren ging die lange Eiszeit zu Ende. Das Eis schmolz, und das Meer stieg.
war dort alles Grasland.
immer höher.
Feuer ist unser Leben.
Das Meer verschlang die Ebene. Das Gelbe Meer entstand, und die Koreanische Halbinsel nahm allmählich ihre heutige Gestalt an.
Als die Kälte wich, wurden die Wälder dicht, und in den Flüssen wimmelte es von Fischen.
Auch das Leben der Menschen stand vor einem Wandel.
Eines Tages formte jemand Lehm vom Flussufer und legte ihn ins Feuer.
Ein neues Zeitalter brach an.
1978, am Hantan-Fluss. Ein Stein, der Hunderttausende von Jahren in der Erde gelegen hatte, lag wieder in einer Menschenhand.
Die Altsteinzeit, die fast 700.000 Jahre dauerte,
machte fast 99 Prozent der Zeit aus,
in der Menschen auf der Koreanischen Halbinsel leben.
In jenen langen Zeitaltern ohne Schrift, ohne Reiche und ohne Ackerbau überlebten die Menschen, indem sie Steine schlugen und ihr Feuer hüteten.